NEU Auferstanden aus dem Schmuddel: Hamburgs St. Georg ist multikultifein
Kahraman Ösüm hat ein Lachen wie der Sonnenschein höchstpersönlich. Auf einer Richterskala von eins bis zehn lacht er vermutlich nie unter acht. Die gefüllten Weinblätter sind handgerollt, von seinem Ezme, einem groben Kräutermus, kann man süchtig werden. „Und das hier sind Frauenschenkel.“ Da grinst er schelmisch, der Inhaber des Le Su, dem türkischen Restaurant an der Langen Reihe 97 in Hamburg St. Georg. Kahraman, um die 40 Jahre alt, ist hier groß geworden, als Knirps durch die Straßenschluchten mit den mächtigen Bordsteinen zwischen Außenalster und Steindamm geflitzt. „Damals war das hier nicht so toll, heute schon“, sagt er mit verheißungsvollen Augen.
Die Sache mit den Frauenschenkeln lässt Kahraman mal so im Raum stehen. Ist wohl ein kleiner Spaß. Sie schmecken jedenfalls nicht nur Männern köstlich. Der Wein, ein Shiraz aus Frankreich, auch, obwohl man den in einem türkischen Restaurant nicht so ohne Weiteres erwarten würde. Aber das Le Su lässt sich als Café Cuisine Mediterrane ohnehin ein paar multikulturelle Hintertürchen offen und könnte nirgendwo besser passen als hierher, hier ins Viertel St. Georg, „in dem Sie noch vor zehn, fünfzehn Jahren nach der Tagesschau nicht mehr vor die Tür gehen sollten“, meint ein Ehepaar aus Hamburg-Billstedt. Es sucht gerade nach einer Location für Silvester. „Der Grieche an der Schmilinskystraße, der ist toll. Sie finden keinen besseren in ganz Hamburg!“ Großer Gott, St. Georg wird doch nicht ein Geheimtipp geworden sein? „Doch, hier hat sich viel getan. Kaum noch Puffs, dafür gute Hotels und einige Top-Geschäfte. St. Georg ist spitze, mit das Beste, was Hamburg zu bieten hat.“ Die Billstedter Georg-Fans ziehen weiter und wünschen viel Freude.
Muss man nicht lange suchen, die Freude. Sie ist hier überall zu finden, zuweilen gut versteckt, über kleine Stichwege, Gassen und Hinterhöfe erreichbar, hinter dicken Gründerzeitmauern und in Ladengeschäften und Cafés im Souterrain. Vier Stufen hinunter geht’s ins Café Litteraire. Französische Jazzmusik dudelt leise aus den Lautsprechern und füllt die paar relaxten Quadratmeter. Konterfeis berühmter Literaten zieren die Stofftapetenwände. Nietzsche, Grass. Herta Müller. Über 1000 Bücher, in Deutsch und Persisch, füllen die Regale und Tischchen im Litteraire, das von der Iranerin Nessa Gaeini geführt wird. Draußen, vor dem Schaufenster, schafft der Herbstwind vergängliche Kunstwerke aus gelbbraunen Blättern; manchmal halten sie nur für Sekunden. Doch hier drinnen, im Café, ist die Kunst der Poesie und Dichtung unvergänglich.
Schräg gegenüber, im Restaurant Kobe, hat man sich derweil auf ganz und gar fleischliche Genüsse spezialisiert: Filets von Lamm, Rind, Schwein werden hier auf feuerheißem Lavastein serviert. Das 300-Gramm-Filet vom sündteuren Kobe-Rind, das in seiner japanischen Heimat drei Stunden täglich vom Bauern mit Bier und besonderen Ölen massiert wird, kostet um die 80 Euro. Wäre St. Georg Ende der neunziger Jahre nicht seiner drogenbehafteten Rotlichtmilieuvergangenheit entwachsen, würde es das Kobe hier nicht geben, niemals.
Sicher hätte Kilian von Velben im „alten“ St. Georg auch nicht erfolgreich Stetsons, Borsalinos und Trillbys verkaufen können. Heute funktioniert es. Dass die Damen und Herren, von leger bis très chic, nicht ins Souterrain, sondern zwei, drei Stufen hinaufgehen müssen ins Hutfachgeschäft „Heimat Berlin“, hat fast Symbolcharakter. „Der steht Dir. Hier hast Du einen Spiegel, geh mal raus und schau, wie er Dir bei Tageslicht gefällt“, sagt er denen, die wirklich Interesse haben. Selbst trägt von Velben gerne mal einen kirschroten Zylinder, was ihn durchaus kleidet. Passt nicht in die Provinz, aber nach St. Georg, dem Stadtteil, der sich vom größten Schmuddel selbst befreit zu haben scheint. In der Koppel 66, im Haus für Kunst und Handwerk, weint man der verruchten Vergangenheit natürlich keine Träne nach. Das Künstlerkollektiv hat sie aber noch gekannt, feiert in der ehemaligen Maschinenfabrik just mit einer üppigen Adventsmesse bereits 30-jähriges Bestehen. Für ganz Hamburg ist das hier Kunst und Design von hohem Rang. Nichts davon ist langweilig, aber auch nichts zu abgehoben. „Wir geben Dingen Seele“ sagen die Verantwortlichen.
Seine Seele hat auch der Hansaplatz zurückerhalten. Sie litt in den Neunzigern unter Drogen. Jetzt ist sie weitestgehend clean. Nach und nach war das ungute Milieu verdrängt worden. Der Hansa-Platz mit seinem 17 Meter hohen Peiffer-Brunnen und den umstehenden Linden wurde hübsch saniert; die Bagger sind gerade abgerückt. Pariserisches Flair umwebt diesen Teil von Hamburg. Kameraüberwachung sorgt dafür, dass der Charme nicht so schnell wieder verfliegt.
Es ist Sonntagmorgen. Im Garten des Hotels Außen-Alster spielen Eichhörnchen und Elster in einer efeuberankten Birke Katz‘ und Maus. Die Glocken des nicht weit entfernten Mariendoms rütteln das 12 000-Einwohner-Viertel, zu dem auch Hamburgs Hauptbahnhof gehört, wach. Es duftet nach Brötchen und Kaffee. Zeit für eine nächste Runde durch St. Georg. Die Gassen und Hinterhöfe, die stuck- und friesverzierten Fassaden, die noblen Hotels unten an der Alster, das Mischmasch aus Dutzenden Kulturen in diesem lebendigen Teil der Hansestadt erzählen leise Geschichten von einer bewegten Vergangenheit und einer hoffnungsvollen Gegenwart. Hier ist Hans Albers geboren, an der Langen Reihe 71. Hier trifft Spätklassizismus auf Gründerzeit. Und wenn Kahraman aus dem Schaufenster seines kleinen Le Su winkt, dann kann die Welt außerhalb St. Georgs ihre Runde drehen, wie sie will. „Shiraz, wie gestern? Und Brot mit Ezme? Komm rein!“
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Zu den Bildern (von oben nach unten)
Leckerschmecker: Kahraman Ösüm in seinem Restaurant Le Su
Jörg Leppke (l.) und Kilian von Velben haben in St. Georg den Hut auf.
Hübsch hergerichtet: Eingang eines restaurierten Hauses an der Schmilinskystraße.
Eine Architek-tour durch St. Georg lohnt sich: Es gibt viele schöne Häuser zu entdecken.
Stolperstein: Die dunkle Vergangenheit wird in St. Georg nicht vergessen.
Hinterhöfe und kleine Gassen laden zum Entdecken ein.
Wünsch dir Glück: Gerne in St. Georg