









Im Königreich der Gärten werden Süchte und Sehnsüchte wach
Die Gärten von Great Dixter sind wie ein Gedicht Mascha Kalékos, so unsagbar reich an tiefer Poesie und geprägt vom melancholischen Spiel zwischen Fröhlich- und Vergänglichkeit. Es ist ein Buch der Blumen, das mit jedem Fuß, den die Besucher hier staunend vor den nächsten setzen, ein neues Kapitel aufschlägt.
Wie hoch ist der Himmel, wie tief ist das Meer? Hier in Great Dixter stellen sich in den späten Septembertagen keine Fragen nach dem Sinn des Lebens, sondern allein nach dem großartigen Sein. Es ist die farbenreiche Dichtung des Christopher Lloyd, der hier bis zum Januar 2006 mit schlohweißem Haar und weisem Blick seinen Traum gelebt hat, den Traum vom Gärtnern und Schreiben. Sein Eden hatte Lloyd, Schriftsteller, Autor und einer der großartigsten Gärtner im Inselreich, bereits zu Lebzeiten; gottlob ist Great Dixter Garden aber auch heute noch ein Himmel auf Erden.
Genauer muss es heißen: Great Dixter Gardens. Der Plural ist berechtigt, denn die rund zwei Hektar Fläche sind in mehrere Themengärten unterteilt, und in besonderem Maße im Sunk- und High Garden ist die Blütenfülle sinnesraubend groß. „O, das ist mir fast zu viel, das kann man ja gar nicht fassen“, sagt Ute Frey-Draksler. Mit der Reisegruppe aus dem Weserbergland war die Bad Pyrmonterin an diesem Tag schon in Scotney Castle und dem bis dato alles überragenden geglaubten Sissinghurst, doch Great Dixter schlägt irgendwie alles. Dahlien und Fackellilien entflammen zwischen Astern, Sonnenbraut und Fuchsia. Edle Gräser stehen just in ihrem Zenit, Strohblumen säumen die schmalen Gehwege in unzähligen Kompositionen, während die Herbst-Silberkerzen ihren verführerischen Duft versprühen. Hier blüht im Herbst, was anderswo schon verblüht ist.
„Großartig ist das hier, richtig schön.“ Marion Meier aus Lügde ist, da der Himmel sich ozeanblau und schäfchenwolkengeschmückt am Nachmittag über Great Dixter wölbt, jetzt doch sichtlich froh, gestern in aller Herrgottsfrühe noch etwas müde aus dem Bett gekrochen und in den Bus von Herter-Reisen gestiegen zu sein. Einen Tag hin, einen zurück, und mittendrin 48 Stunden des Aufblühens, in jeder Hinsicht, denn diese Reise war betörend für, salopp formuliert, alle mitfahrenden Beetschwestern und Blumenbrüder, die Michael Herter (Herter-Reisen, Afferde) mit seinem zwölf Meter langen Reisebus auch über die schmalsten "Miss-Marple"-Wege der britischen Insel zu den Gärten und Parks brachte. Dagegen waren die Autobahnen und die Fährüberfahrt ein Kinderspiel gewesen. 70 000 Kilometer fährt Michael Herter pro Jahr; diese hier bis ins Königreich der Gärten Südenglands zählen wohl zu den schönsten, die er bisher gefahren ist.
Plüschiger Teppich, dunkles „Bitter“ in Halbliter-Gläsern plus x („pint“), Drei-Gänge-Menü: Kaum hatten die Reisenden im Hotel Ramada im schnuckeligen East Horsley in der Grafschaft Surrey etwa 30 Meilen unterhalb Londons eingecheckt, waren sie bereits hochzufrieden. Das war für alle ein Auftakt nach Maß. Aber hatten sie wirklich eine Ahnung davon, wie schön dieser Kurztrip werden würde? Hatten sie damit gerechnet, vom Geiste des Sissinghurst Castle Garden, der immer noch die unverkennbare Handschrift Vita Sackville-Wests trägt, so trunken umgarnt zu werden? Wussten sie tatsächlich, wie ergreifend die beginnende Herbstfärbung im Sheffield Park Garden wahrhaftig ist, wo Mammutblatt, Mammutbaum, Pampasgras und mehrere Hundert weitere Gehölze und Stauden die Ufer von gleich fünf Seen säumen?
„Dass es hier so schön ist, …nein … traumhaft.“ Annette Vöhl und ihre Mutter Ingrid aus Hemeringen verschlägt es ob solcher Pracht und Fülle glattweg die Sprache. Bei der nächstbesten Gelegenheit würden sie gleich wieder hinfahren. Gärten und Parks gibt es hier im Süden Englands ja mehr als genug, einer schöner als der andere. Indes lässt sich die Frage nach dem schönsten aller Gärten nicht reell beantworten. „Die kann man nicht vergleichen. Sheffield Park Garden mit den vielen Gehölzen ist ja was ganz anderes als das liebliche Sissinghurst oder Great Dixter. Dort sind es ja vor allem die Stauden.“ Helke Bosse aus Hessisch Oldendorf sagt das ganz richtig, aber insgeheim hat der Sheffield Park ihr am besten gefallen, das merkt man ihr an. Weil Gehölze ihr Steckenpferd sind, und wer sich dafür begeistert, den können acht Meter hohe Rhododendren (!) nicht unbeeindruckt lassen. „Wenn die im Mai blühen, Mann, das muss ja herrlich sein“, pflichtet Birgit Gawronski aus Fischbeck ihr bei. „Wir sollten im Frühling alle wiederkommen – können Sie das organisieren, Herr Herter?“ Mal sehen…
Liebliche Cottages mit Schachbrettfensterscheiben, stolze Herrenhäuser mit knirschenden Kiesauffahrten, heimelige Pubs mit Fachwerkverzierungen und Weiden, auf denen die „black heads“, die schwarzköpfigen Schafe, grasen, huschen vorbei. Weiter geht es, immer weiter durch die Grafschaften Kent und East Sussex. Diese Reise durch das wahre Königreich der Gärten weckt Süchte und Sehnsüchte nach immer neuem Blütenflor. Während in Deutschland jahrzehntelang gewachsene Alleen der Säge zum Opfer fallen, weil die armen Bäume schuld sein sollen an so manchem Verkehrstoten (Gott bewahre, aber auf so eine Idee würden die Briten nun niemals kommen!), säumen hier Ilex, Rotdorn und Brombeere, Eichen, Ahorn und Buchen die schmalen Landstraßen, auf denen im reichen Süden der Insel Range Rover, Porsches, Aston Martins und allerlei teure Cabrios links fahren. So ein stinknormaler VW Golf trägt da echt zur Entspannung der Augen bei – Reisen im grünen England bringt einen manchmal auf komische Gedanken...
Aber eben vor allem auch auf gute Ideen. Das Ehepaar Marlene und Fritz Bertram sieht jedenfalls beste Chancen, dem eigenen 1000 Quadratmeter großen Garten in Hachmühlen ein bisschen von Great Dixter, Sissinghurst, Hever, Scotney oder Sheffield Park einzuverleiben und es Ikonen wie Lloyd, Sackville-West, Humphry Repton und Lancelot „Capability“ Brown nachzutun. Ein ganz kleines bisschen nur. Und als die Pride Of Dover über den Kanal Richtung Calais übersetzt, blicken alle Reisenden noch einmal zurück zu den Kreidefelsen der britischen Insel. Auf dass sie sie ganz bald wieder begrüßen werden.
Texte zu den Bildern (von oben nach unten):
Rot ist die Farbe der Liebe: Vor dem Südlichen Landhaus von Sissinghurst blühen im September die Dahlien.
Großartig: Vor dem Haus von Great Dixter Gardens recken sich zweifarbige Dahlien gen Himmel.
Sieht aus wie Riesen-Rhabarber: Marlene und Fritz Bertram wundern sich über das mächtige Mammutblatt (Gunnera manicata).
Schafe Sache: Birgit Gawronski (links) und Anke Steinemann reiten auf hölzernen „black heads“ durch das Unterholz des Sheffield Park Garden.
(Fast) zum Niederknien: Dagmar Joeris aus Bad Pyrmont (vorn) freut sich über üppige Bepflanzung vor Great Dixter. Im Hintergrund staunen Birgit Gawronski, Annette Mc Geough, Marlene Bertram und Michaela Willerich (v.l.)
Im Spiegel des Wassers: Scotney Castle ist auf seine Weise doppelt schön.
Am Fuße eines Giganten: Tour-Guide Mary Sewell (Mitte) und das Ehepaar Ilsemarie und Karl-Dietrich Schmidt aus Niedernwöhren streicheln den Riesenmammutbaum im Sheffield Park Garden, der bis zu 90 Meter hoch werden kann.
Gleich starten sie: Raketenblumen (Fackellilien, Kniphofia) erstrahlen im Sunk Garden von Great Dixter.
Bienchen müsst' man sein: Wo gibt es schönere Landeplätze?
Spieglein, Spieglein: Busfahrer Michael Herter lenkt seinen 12 Meter langen Neoplan durch die schmalen Straßen Englands.