Die schönste Art, sich selbst zu finden: Eine Winterreise durch SörmlandDie schönste Art, sich selbst zu finden: Eine Winterreise durch SörmlandDie schönste Art, sich selbst zu finden: Eine Winterreise durch SörmlandDie schönste Art, sich selbst zu finden: Eine Winterreise durch SörmlandDie schönste Art, sich selbst zu finden: Eine Winterreise durch SörmlandDie schönste Art, sich selbst zu finden: Eine Winterreise durch SörmlandDie schönste Art, sich selbst zu finden: Eine Winterreise durch SörmlandDie schönste Art, sich selbst zu finden: Eine Winterreise durch SörmlandDie schönste Art, sich selbst zu finden: Eine Winterreise durch SörmlandDie schönste Art, sich selbst zu finden: Eine Winterreise durch Sörmland

Die schönste Art, sich selbst zu finden: Eine Winterreise durch Sörmland

Nyköping / Sörmland. Es ist Donnerstag. Es gibt Erbsensuppe mit Pfannekuchen. Ein typisches Donnerstagmittag-Essen in Schweden. Nicht mittwochs, nicht am Freitag, nein: wenn schon, dann donnerstags. „Ich weiß nicht, warum. Das ist einfach so“, lacht Mickan Flink. Nach einer Antwort darauf hat sie bislang nie gesucht, obwohl ihr die Frage von deutschen Touristen schon oft gestellt worden ist. Sich in Sörmland, der mannigfaltigen Region im Süden Schwedens, auf die Suche nach der Geschichte der Erbsensuppe zu machen, wäre auch zu banal. Es gibt Schöneres hier zu entdecken. Sogar im Winter. Mickan weiß, wo.

Auf der Suche nach dem
Abenteuer und sich selbst

Für Sörmland Turism arbeitet sie. „Viele Deutsche machen hier Urlaub“, sagt Mickan. Zu jeder Jahreszeit. Die einen wollen Schloss Gripsholm sehen, die anderen machen sich auf den Weg in die Schärengebiete oder gehen jagen, reiten und fischen auf der Suche nach dem Abenteuer und sich selbst. Wer noch nie eine Angel in der Hand gehalten hat, ist bei Thomas Berggren richtig. Berggren ist die schwedische Variante des Fishermen’s Friend, und wer’s nicht kann, lernt das Fliegenfischen unter seiner Anleitung. Lob inklusive, selbst wenn man sich so belämmert anstellt wie ich. „Du bist ein Naturtalent. Sehr gut“, lobt er mich, ungeachtet der Tatsache, dass ich nichts gefangen habe. Wie könnte ich auch, es waren ja nur Trockenübungen auf einer Grünfläche. Für seine Höflichkeit und vor lauter Freude darüber, dass ich mich nicht selber geangelt habe, könnte ich Thomas nach dem kleinen Exkurs aus Dankbarkeit in die Arme schließen, und für den leckeren Apfelkuchen könnte ich ihn küssen. Oder besser: seine Frau. Die hat ihn gebacken. Jetzt mundet diese Sinfonie von allerlei guten Zutaten unterm Holzdach eines Hüttleins, während Regen nieselt. Dazu gibt’s Kaffee.

Kaffee, was sonst. Immer gibt’s Kaffee. Zu jeder Tages- und Nachtzeit. Kaffee trinken die Schweden wie Elche das Wasser aus den glasklaren Bächen, die hier in Lilla Malma Thomas Berggrens’ Teiche speisen. „Viel Spaß noch in Schweden. Komm’ bald wieder.“ Hej do, Thomas. Hej do heißt Auf Wiedersehen. Aber erstmal will ich mich aufwärmen. In der Butik Inneberga bei Åsa Ingårda.

Ein Häuschen wie im Märchen. Aus Holz, rot angestrichen, mit weißen Fensterrahmen, die Scheiben sind unterteilt. Fehlen nur noch die Kinder von Büllerbü. Oder Karlsson auf dem Dach. Oder Pippi Langstrumpf. Im Atelier prasselt das Kaminfeuer, richtig warm ist’s aber nur in Åsas Küche. Gebäck, Tee und – war ja klar – Kaffee stehen auf dem großen Tisch in der Mitte des Raumes. Draußen ist November. Draußen ist Schweden grau und nass. Hier drinnen ist es bunt, trocken und herzenswarm. „Im nächsten Jahr will ich mit einigen anderen Künstlern ein Festival feiern, mit Musik und so“, sagt Åsa. „Nimm doch noch ein Stück“, bietet sie wieder und wieder ihre selbst gebackenen Küchlein an. Kaum vorstellbar, sich in Klein-Bullerbü bei Åsa nicht wohlzufühlen. Ihre gute Laune ist ansteckend. Ihr Handwerk exzellent. Ihr Englisch besser als meines. Und ihre Küchlein pures Hüftgold. Runtuna, so heißt das Örtchen, wo die Butik Inneberga zu finden ist. Wenn hier Schnee liegt oder der Frühling kommt, muss es ja noch traumhafter sein. Geht das überhaupt?

Auf Öster Malma trifft
sich die Jägerschaft

Noch gestern Abend habe ich in Mickes Skafferi, einem Restaurant in der Innenstadt Nyköpings, Wild gegessen, wenige Stunden nach der Landung in Skavsta (Ryanair, ab Bremen). Es mundete exzellent, was nicht selten vorkommt hier in Schweden. Jetzt treffe ich Helena Österberg auf Öster Malma, das ist die Zentrale des Schwedischen Jagdverbandes. Helena lächelt wie Heidi Klum, aber ihr Laufsteg sind die schwedischen Wälder. Sie zeigt mir ein Foto eines (von ihr) erlegten Elchs. Das war weiter oben, im Norden des Landes. „Elche sind hier im Süden selten geworden. Wir wollen die Tiere in einem Reservat um Öster Malma wieder heimisch machen“, sagt Helena. Darauf erst mal ’nen Kaffee. Was auch sonst…

Keinen Kaffee, sondern Champagner gibt es abends zur Begrüßung auf Schloss Yxtaholm. Viel besser kann man in Schweden nicht essen, allein die Tatsache, dass der Wein zu jedem Gang eher in homöopathischen Dosen verabreicht wird, stört das stimmige Gesamtgefüge. Andererseits bleibt so der Blick glasklar für die Schönheit dieses Schlosses und seiner Umgebung. Der Mond hat den Kampf gegen die Wolken wenigstens für ein paar Sekunden gewonnen und spiegelt sich im Wasser wieder, das Yxtaholm umgibt. Blätterlose Bäume, längst vom Wind in den Winterschlaf gesungen, raken in den Nachthimmel. Yxtaholms Fassade ist beleuchtet. Ich kann den Blick kaum von ihr wenden. Muss aber. Morgen ist ein neuer Tag. Ich will Schloss Gripsholm sehen.

Gripsholms Theater
„brennt sich fest“

Tief in die Geschichte dringe ich im Städtchen Mariefred ein. Nur 3500 Menschen wohnen hier. Aber Hunderttausende Touristen kommen jedes Jahr, um Gripsholm zu sehen. Gustav Vasa legte im Jahr 1537 den Grundstein. Maren von Bothmer, gebürtige Hamburgerin, die auch nach 47 Jahren in Schweden ihren Waterkantslang nicht losgeworden ist, führt mich durch das Lustschloss. „Nun, hier stehen wir vor dem Bild Frederik des I, der damals…“ Und so weiter, und so fort. Und plötzlich: „Das ist das Theater. Ja, das brennt sich auf der Netzhaut fest, nicht wahr?“ Selbst Maren von Bothmer verschlägt’s immer noch die Sprache, obwohl sie schon unzählige Male hier die Touristen durchgeführt hat. Eine unglaubliche Atmosphäre: warm, doch von kühler Eleganz; klein, doch groß in seiner Wirkung. Wie so vieles, was man in Schweden zu Gesicht bekommt.

Abends treffe ich Mickan wieder. „Wir fahren jetzt mit einer Eisenbahn“, sagt sie. Der Vereinsvorsitzende begrüßt mich, es gibt Bier aus dem Pappbecher. Die Dampflok schnauft mit 30 Kilometern pro Stunde aus Mariefred heraus und kehrt nach einer Dreiviertelstunde wieder zurück. Direkt vor dem Värdshus macht sie Halt. Das Värdshus ist das älteste Gasthaus Schwedens. Nach einem Vier-Gänge-Menü schlafe ich auf Zimmer 307 wie ein Murmeltier und träume von Kurt Tucholskys Bestseller „Schloss Gripsholm“. Morgen werde ich sein Grab im Ort besuchen, es mit einem Blümchen schmücken. „In der vollkommenen Stille hört man die ganze Welt“, schrieb Tucholsky einst.

An seinem Grab werde ich die Welt hören





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