



Sissinghurst – vom Gartentraum zum Traumgarten
Es ist die Liebe, ja die Liebe. Sie geht in Südengland nicht etwa durch den Magen, sondern durch den Garten. Nicht irgendeinen Garten, sondern jenes vier Hektar große Wunderland, das wie ein unverrückbares Symbol für das blühende Leben steht: Sissinghurst Castle Garden!
Sissinghurst, das klingt so lieblich wie es ist. Das kleine Dorf in der Grafschaft Kent nahe der Stadt Cranbrook mit dem für viele Menschen unbestritten schönsten Garten Englands ist ein lohnendes Ziel für Reisende und der Stolz einer ganzen gärtnernden Nation. Wer als Besucher auf die britische Insel übersetzt, irgendwo ein süßes „B&B“ gefunden hat und abends in einem gemütlichen Pub mit den gastfreundlichen Briten ins Gespräch kommt, der sollte nicht unerwähnt lassen, dass er Sissinghurst besuchen will. Denn sogleich wird er ins britische Herz geschlossen, weil er ein Teil der britischen Seele besucht: Sissinghurst. Und schon steht ein nächstes Glas Sussex Bitter vor ihm auf dem Tresen.
Natürlich gibt es andere großartige Gärten. Der verspielte Hever Castle & Garden in East Sussex etwa oder das Abenteuerland Groombridge Place. Auch Stourhead Gardens in Dorset, dieser grandiose Park mit meterhohen Rhododendren, Grotte und See, der wie fast 200 andere Landschaftsgärten Englands die Handschrift des erfolgreichsten britischen Gartengestalters Lancelot „Capability“ Brown (1716-1783) trägt, ist über jeden Zweifel erhaben. Aber keiner dieser Gärten ist wie Sissinghurst, dieses kentische Kleinod in Besitz des National Trust, das noch heute den Geist seiner Gestalterin Vita Sackville-West atmet. Für ihre epischen Gedichte und Romane wird sie geliebt, doch für ihre Taten als Gärtnerin und Gestalterin wird sie vergöttert. Die Royal Horticultural Society zeichnete sie für ihre Verdienste aus. Heute ist Sissinghurst Ziel von mehr als 200000 Besuchern jährlich.
Auch jetzt, im September, ist Sissinghurst voller Leben. Eine Hecken umrahmte Straße – typisch für England – führt ans Ziel. Die Herbstzeitlosen schauen drollig aus dem Rasen im Obstgarten, und der Cottage Garden, von dem der Besucher einen phantastischen Blick auf „Vitas Tower“, das Torhaus, hat, blüht in vielen Farben, was er aber eigentlich schon das ganze liebe Jahr lang tut. Sissinghurst ist aber vor allem für seinen Weißen Garten bekannt. Er ist nicht riesig, nein, ist er nicht, aber er ist der lebendig gewordene Traum von Vita Sackville-West. Weiße Cosmea („White Sensation“), die Rosen „Iceberg“ und „White Wings“, weißes Eisenkraut, weiß, weiß, wohin man schaut. Was für ganz Sissinghurst gilt, gilt in diesem nicht großen, aber grandiosen Teilstück insbesondere: Harmonie bis ins Detail.
Im Oberen Hof stehen mit geradezu militärischer Präzision getrimmte Säuleneiben, im Kräutergang duftet es verführerisch, im Lindengang spaziert man Arm in Arm mit seiner Liebsten – Sissinghurst ist ein entzückendes Ensemble, von dem man noch lange schwärmt. Vielleicht ja sogar bis zum Winter, und dann fährt man zu den vielen „winter openings“.
Doch besser ist es, jetzt zu fahren. Südengland ist im September nämlich besonders schön, „sogar am schönsten“, finden Inselkenner, die gerne mit der Fähre übersetzen; nur mit der Fähre, versteht sich, und zwar ganz traditionell von Calais nach Dover, um den Anblick der nahenden Kreidefelsen genießen zu können. Stilvoll und schnell geht’s zum Beispiel mit der Reederei Seafrance auf der gerade modernisierten „Berlioz“ (siehe Infokasten). Drüben angekommen ist es ratsam, nach einem „Bed & Breakfast“ (B&B) Ausschau zu halten, bevor am Abend alle belegt sind. Ein Problem ist die Suche danach nicht, denn „B&Bs“ gibt es in Kent, Sussex und Surrey genug. Eher schon ist der Preis das Problem, denn das Pfund steht für Festland-Europäer ziemlich schlecht, so dass umgerechnet für eine Nacht pro Person bis zu 50 Euro fällig sind. Was den Schluss zulässt, dass Südengland zu schön ist, um es als Reiseland zu ignorieren, aber leider auch zu teuer ist, um länger zu verweilen. Doch die Herzlichkeit, mit der Touristen aufgenommen werden, ist zuweilen umwerfend. Und urig ist es allemal. Im Tearoom „The Harrier“ bei Sandhurst mitten in Kent kann es also schon mal passieren, dass zum traditionellen „cream tea“ die Hühner des Hauses reinschauen, um ein bisschen was abzubekommen vom sahnebepackten „scone“. Dementsprechend sieht das Federvieh auch schon aus …