









Schlösser und Gärten zum Verlieben: Zwischen Loire, Vienne und Cher
Monsieur Untersteller muss ein glücklicher Mensch sein, denn er ist Burgherr. Kein Aristokrat, fürwahr, dafür aber ein Mensch mit Herz und Seele, einer, der gerne lacht, dem die Kunst am Herzen liegt, einer, der schwarzen Kaffee trinkt, jeden Morgen in ein saftiges Croissant beißt und der auf Fernsehen gut verzichten kann, „weil es darin doch nicht viel Gutes gibt“. Louis-Paul Untersteller ist Besitzer des Château Cinq-Mars. Die Burgruine thront über dem Örtchen Cinq-Mars-la-Pile, nur ein paar olympische Steinwürfe von der Loire entfernt. Dort wie anderswo im Val de la Loire ist es ganz und gar zauberhaft.
Unübertrefflich schön:
In der Burg übernachten
Gelassen repariert Monsieur Untersteller an einer defekten Stromleitung. Seine Frau Gildas kocht gerade Kaffee. „Beaucoup de travail“, sagt sie. Ja, viel Arbeit. Aber Arbeit, die Spaß macht, nicht nur Mühe. Währenddessen umkreisen Tauben die noch beiden erhaltenen Türme der über 1000 Jahre alten Ruine. In den dazugehörigen Gebäuden, bien sur nicht ganz so alt, wohnt und arbeitet der nette Monsieur in seinem Atelier und beherbergt in einem Chambre d’Hôtes Gäste. Das Ambiente ist unübertrefflich. Efeu hangelt sich an den dicken Wänden entlang, Hauswinkelspinnen flitzen durch die Flure, Eichhörnchen und Käuzchen wünschen sich gegenseitig eine gute Nacht.
Château Cinq-Mars ist eine alte Festung, eine, die – wenn Steine reden könnten – ein Stück der atemberaubenden Geschichte Frankreichs wiedergeben würden. 60 Stufen führen hinauf aufs Plateau im noch einzig begehbaren Turm. Im Erdgeschoss lässt Louis-Paul Untersteller mit einigen Exponaten ein bisschen Historie erzählen, ansonsten erzählt der Ort selber, wenn man aufmerksam hinhört, hinschaut, vorsichhingenießt. Feigen- und Walnussbäume, Farne und Sommerflieder, Zedern und Ginster säumen die Wege. Rauf und runter geht es in diesem leicht verwunschen wirkenden Gelände. Im einstigen Wassergraben, heute trocken wie die köstlichen Weine der Touraine, können die Besucher flanieren, sich über die Meisterleistung und Kraftakte architektonischer Vergangenheit wundern, in mannshohen Farnen wuscheln und den blühenden Aronstab bewundern. Im Gegensatz zu den Prachtschlössern links und rechts der Flüsse Loire, Vienne und Cher ist die Festung von Cinq-Mars-la-Pile unaufgeregt aufregend. Selbst an schönsten Sommertagen finden sich hier manchmal nicht mehr als ein Dutzend Touristen ein. Ein Geheimtipp also, ein Geheimtipp mit geheimnisvollen, teils verschlungenen Wegen durchs Dickicht.
Das Tal der Loire im Herzen Frankreichs ist reizend, ist lieblich, ist prachtvoll. Überraschend sowieso. Und gehaltvoll überdies, was nicht nur die Weine (zum Beispiel die der Touraine oder aus Chinon), sondern auch die Kulturhistorie betrifft. Während die Loire, so scheint es, fast gelangweilt vor sich hinfließt, ergötzen sich Besucher wie Bewohner dieser Gegend links und rechts ihrer Ufer an erhabenen Schlössern, prachtvollen Herrensitzen und blühenden Gärten, die zu jeder Jahreszeit ihre Reize haben. Wenn bei Château Villandry in einem der zweifelsohne prächtigsten Gartenanlagen Frankreichs die akkurat gestutzten Buchsbaumhecken ein insgesamt 52 Kilometer langes Kunstwerk ergeben, das als Umfriedung verführerisch duftender, blühender und der Sonne entgegen lachender Themengärten dient, dann ist das eine Meisterleistung von Natur und Mensch. Von der Aussichtsplattform betrachtet schweift der Blick von einem Punkt zum anderen, und immer, immer erntet dieses Fleckchen Erde ein respektvolles, ungläubiges Staunen. So verhält es sich gleichfalls mit dem Château Chatonnière, das sozusagen der kleine, feine blühende Gegenpart zum stolzen, mächtigen Villandry ist, dabei aber keineswegs weniger reizvoll. Und überdies nicht überlaufen; selbst an traumhaften Sommertagen mit schäfchenwolkenbetupftem Himmel verlieren sich hier oft nur wenige Besucher. Wer seine Liebste beim Durchschreiten der Rosengänge küsst, wird diesen Kuss sein Leben lang nicht vergessen.
Die Vienne fließt träge
durch den Ort Chinon
Mindestens eine Woche sollte man sich Zeit nehmen, um wenigstens einen repräsentativen Querschnitt der Loire-Schlösser besichtigen zu können. Nicht alle, die besonders bekannt sind, sind auch besonders schön. So ist der Besuch eines Weinkellers („Cave“) sicherlich gehaltvoller als der des Château Ussé mit seinen wenig erbauenden Außenanlagen. Drinnen jedoch geht es prunkvoll zu, was durchaus zu genießen ist, wenn nicht zu viele Touristen auf einmal dort sind… Ein Tag in Chinon hingegen hat seine Reize zu jeder Zeit. Dort, an der Vienne, thront die geschichtsträchtige Festung – eine Burgruine, die in Teilen zurzeit restauriert wird – hoch über der Stadt. Hier hat Charles VII Jeanne d’Arc ein Heer anvertraut, damit sie siegreich gegen die Engländer zu Felde ziehen konnte. Unten in den hübschen Gassen Chinons findet sich nach dem Besuch der „Forteresse des Royal de Chinon“ stets ein hübsches Plätzchen, um ein wenig innezuhalten.
Wieder zurück im Örtchen Cinq-Mars-la-Pile. Boxer „Playboy“ wuselt sich von einem Tisch zum anderen und sammelt Streicheleinheiten. Playboy ist der Haushund des Chez JoJo, einem schön einfachen Restaurant (Bar / Brasserie) an der Place de la Mairie. Draußen blühen Stockrosen und Geranien, drinnen blüht das Leben. Chefin ist Jocelyne Jupin Hue. Ihre Küche ist bemerkenswert. Täglich ein wechselndes Menü, c’est ca. „Schickt mir mal eine Karte von dort, wo ihr herkommt“, sagt die Barchefin mit der poetischen Ader – hier und da veröffentlicht sie Gedichte. Dann schenkt sie noch einen Rosé nach und macht sich wieder an die Arbeit. In der Küche brutzelt das Essen und die Gäste warten. Playboy trottet seiner Madame hinterher.
Der Mond zeigt sein fahles Antlitz. Ein Käuzchen bricht durchs Gebüsch. Gegen Mitternacht liegt die Burgruine von Cinq-Mars in seliger Nachtruhe. Louis-Paul Untersteller arbeitet noch in seinem Atelier. Wenn am nächsten Morgen zwischen acht und halb neun Uhr die große Pforte des Haupteingangs in ihren Angeln quietscht und rumpelt, dann wissen die Gäste, dass der Monsieur frische Croissants geholt hat. Zeit zum Frühstücken – und zum Hineintauchen in einen nächsten aufregenden Tag zwischen Loire, Vienne und Cher.
Zehn Festungen, die man sehen muss:
- Château Cinq-Mars: verträumt Burgruine mit besonderem Flair
- Château et Jardins Villandry: der große Garten Eden im Loire-Gebiet
- Château d’Azay-le-Rideau: Traum bei Nacht
- Château Chambord: das größte, prächtigste Schloss der Loire
- Château Chénonceau: ein Traum am Fluss
- Château Langeais: tolle Festung inmitten des Stadtkerns
- Forteresse Royale de Chinon: geschichtsträchtiger Platz mit überwältigendem Blick auf die Vienne
- Château Saché / Musee Balzac: auf den Spuren von Frankreichs großem Schriftsteller
- Jardins et Château de la Chatonnière: der kleine Garten Eden im Loire-Gebiet
- Château de Champchevrier: Wo die Jagdhunde bellen…
Zu den Bildern (von oben nach unten)
- Geschichte zum Anfassen: die Burgruine Cinq-Mars-la-Pile
- Gartenkunst und Kunstgärten: Château et Jardins Villandry
- Blau der Himmel, blau die Blumen: Château et Jardins Villandry
- Klein, aber großartig: Chateau et Jardins Chatonnière
- Château Gizeux ist nicht nur zum Anschauen da – hier können Gäste auch übernachten.
- Blau und schön: Gemächlich fließt die Vienne an Chinon vorbei. Wie die Flüsse Cher und Loire prägt sie Zentralfrankreich.
- Château d’Azay-le-Rideau bei Nacht
- Verschlungen: der Weg im Rosengang von Chatonnière
- In seinem Atelier: Künstler und Burgherr Louis-Paul Untersteller
- Boxer "Playboy" ist Haushund im Chez JoJo in Cinq-Mars-la-Pile