




Wie vom lieben Gott dahingetupft: Das Pays d'Auge in der Normandie
Petit heißt klein. Aber wenn Annie und Roger Saxus ihren Urlaubsgästen das Frühstück bereiten, dann ist das petit déjeuner in ihrem kuscheligen Chambre d’Hôte im hübschen Örtchen Cambremer alles andere als petit: Frische Früchte aus dem eigenen Garten, Croissants, Baguette, Brot und Kuchen, selbst gekochte Konfitüre, Käse aus der Region und gesalzene Butter – das Ehepaar Saxus pflegt die normannische Gastfreundschaft aufs Allerschönste. Wohl dem, der sie kennenlernt.
Cambremer ist ein Dorf an der Route de Cidre im Pays d’Auge. Hier pocht das Herz der Normandie. Kühe grasen auf saftiggrünen Wiesen, Bäume und Häuser sehen wie vom lieben Gott dahingetupft aus. Weiße Schäfchenwolken ziehen gelassen über fruchtbares Land. Der Cidre, ein moussierender Apfelwein, ist neben dem Käse (unter anderem aus dem Dorf Camembert!) das köstliche Wahrzeichen dieser lieblichen Region. Hunderte Apfelbauern pflegen dafür ihre Plantagen. Die Haine sind ein vertrautes Bild im Pays d’Auge. Die Früchte bereiten allen ein köstliches Vergnügen – als Tarte Normande ebenso wie als alkoholarmer Cidre oder kräftiger Pommeau, ein Digestif mit 17 Prozent Alkoholvolumen.
Die Route de Cidre führt an zahlreichen Erzeugern vorbei, die zum Verkosten einladen. Monsieur Gérard Marlet, Apfelbauer im Nebenerwerb, macht das ebenso. Ein Schild am Straßenrand weist den Weg auf seinen Hof. Selbst der starke Calvados mit 40 Prozent Alkohol rollt mild die Kehle hinab. Santé, Monsieur!
Von den Apfelhainen des Monsieur Marlet im Vallée de la Touques bis zum Schloss Saint-Germain-de-Livet sind es kaum 800 Meter. Der elegante Bau aus dem 15. und 16. Jahrhundert ist ein Paradebeispiel normannischer Renaissance-Architektur. Grüne und rote Backsteine leuchten im Sonnenlicht. Türmchen, Verzierungen und Fresken lassen den Blick schweifen. Mobiliar, Bilder und Andenken des Malers Eugène Delacroix und der Kunsthandwerkerfamilie Riesener erzählen aufregende Geschichten aus der Historie, während ein schwarzer Schwan am Schlossgraben Wache schiebt. Sehenswert ist nicht nur das Château selbst, sondern auch der Garten ringsherum.
Im Pays d’Auge sind es die kleinen Landstraßen, die an besondere Ziele führen. Eines davon ist Le Prieuré Saint-Michel. Eine Art Freilichtmuseum mit unterschiedlichen Gärten, die ein ums andere Mal neue Sichtachsen preisgeben. Frösche quaken auf Teichrosenblättern, eine Schildkröte paddelt durchs Wasser, im Kräutergarten wachsen Hunderte von Ringelblumen. Wer Ruhe sucht, findet sie hier – wie gut, dass man sogar übernachten kann. Jean Pierre und Viviane Ulrich bieten fünf Chambres d’Hôtes ab 100 Euro pro Nacht an. Das ist nicht günstig, aber wer das Besondere liebt, muss auch in Frankreich tiefer in die Tasche greifen. Schöner als eine Übernachtung im Fachwerkdorf Beuvron-en-Auge ist es allemal – dort haben die Normannen das touristische Potenzial ihres Landstrichs und des typischen Baustils mit dem streng senkrecht verlaufenden Fachwerk früh erkannt und vermarkten es mit Vehemenz. Zum kurzen Verweilen schön, zum Übernachten nicht weiter interessant.
Also wieder zurück nach Cambremer. Das Château les Bruyères vor der Ortschaft ist mit 170 Euro Übernachtungskosten pro Kopf nicht für jeden Geldbeutel geschaffen. Das macht nichts, denn das Chambre d’Hôte der netten Saxus’ ist ja nur einen Steinwurf entfernt. Und wenn die Madame von ihrem großen Garten schwärmt, der Monsieur den deutschen „Kaiser“ Beckenbauer hochleben lässt und der Kater des Hauses stoisch auf Mäuse wartet, dann fühlt sich jeder Gast zuhause im Pays d’Auge, wo Passionsblumen ganze Hausfassaden bedecken und die Blütenköpfe der Hortensien fußballgroß werden. Das liegt am Klima – in jeder Hinsicht.