





Der Hüter der Hummeln wacht über viele Völker
Es war der 12. März, gerade mal fünf Grad Celsius im Weserbergland. Ich hatte mir den Kragen meiner Winterjacke bis obenhin zugeknöpft und wollte mir noch die Handschuhe anziehen, um dann wie immer mit dem Fahrrad zur Arbeit zu fahren, da kreuzte eine Hummelkönigin meinen Weg zur Garage. Ich verfolgte ihre Fluglinie mit meinem Blick, und beide nahmen schließlich Platz in der Blüte eines Winterlings. Ich massierte mir nachdenklich mit den Fingern meiner linken Hand das Kinn, zog die Augenbrauen fragend nach oben. Das Insekt war verdammt früh unterwegs, dachte ich so – der Sache musste ich nachgehen. Also verließ mein Blick den Winterling. Die Hummel blieb dort.
Hummeln fliegen sogar
bei zwei Grad minus
Anruf bei Jörg Vahlbruch. „Du, Jörg, tach erstmal, ich bin’s, Jens. Ich habe heute die erste Hummel des Jahres gesehen. Ist die zu früh aufgewacht? Ist doch noch total kalt draußen.“ – „Das stört die nicht. Hummeln fliegen sogar bei zwei Grad minus. Kannste mir glauben, beobachte ich jedes Jahr. Ich bin nämlich Hummelzüchter. Ich muss los, tschüss.“ Er legte auf.
Hummelzüchter! Jörg Vahlbruchs Antwort machte mich neugierig. Wie züchtet man Hummeln? Warum züchtet man Hummeln? Wo züchtet man Hummeln?
Sieben Wochen später stehe ich mit dem 47-Jährigen Hamelner Profigärtner vor einem Dutzend grüner Holzkästen, in zwei Reihen aufgehängt an der Rückwand seines hübschen Gartenhauses in der Kolonie am Brösselweg. „Das sind se: meine Hummelhäuser. Die habe ich selbst gebaut. Oben rechts wird die Wiesenhummel einziehen, habe sie aber noch nicht gesehen. Dafür ist die dunkle Erdhummelkönigin schon fleißig unterwegs. Halt mal, horch…“ Er bedeutet mir mit einer raschen Handbewegung, nicht zu antworten, ja, am besten auch nicht Luft zu holen, sondern zu lauschen. Was ich höre, ist ein lauter werdendes Summgeräusch. Jörg Vahlbruch steht still, lauscht vor diesen grünen Holzkästen, die sich nicht wesentlich voneinander unterscheiden und aus deren Öffnungen ein Gemisch aus Moos und Grashalmen quillt, um den Hummeln die Bedingungen so natürlich wie möglich erscheinen zu lassen. Er hebt den Zeigefinger, als wolle er „Achtung“ sagen, rollt frohlockend mit den Augen. „Da ist sie“, sagt er leise. Und nochmal: „Da ist sie.“
Die Königin der Dunklen Erdhummel, lateinisch: Bombus terrestris, hat unsere Köpfe erhaben in einem Halbkreis umflogen. Wie von einem unsichtbaren Navigationsgerät gelenkt steuert sie vor dem Hintergrund des mit Schäfchenwolken betupften Himmels das zweite Häuschen von links in der oberen Reihe an. „Ssssssss, sst.“ – Gelandet. Die Flügel geben Ruhe, das sonore Fluggetöse endet.
Die Königin ist im Haus verschwunden, reingekrochen durch eine Röhre aus Pappe, die in ein wohlgebautes Reich aus Holzspänen und Wolle führt. Dort legt sie ihre Eier ab. Der Anfang einer jeden Hummelkolonie. Sie wird, egal wie oft sie ihr Nest noch verlassen muss, niemals das falsche Hummelhaus nehmen, immer das zweite von links, obere Reihe. Erstaunlich. Ihre Arbeiter werden es ihr gleichtun, sobald sie nach fünf Tagen als Larve geschlüpft, nach acht Tagen sich verpuppt und nach weiteren zehn Tagen abermals geschlüpft sind. Dann fliegen sie aus, um ihrer Königin zu dienen. Sie werden immer den richtigen Kasten ansteuern, so wie ein Uhrwerk verlässlich tickt. Versetzt man sich in ihre Lage, dann ist das wirklich erstaunlich, denn die Kästen sind baugleich, sind alle grün – und es sind viele.
Mit bis zu 24 Millimetern
die größte von allen
Jörg Vahlbruch steckt die Hände in die Taschen, grinst, freut sich sichtlich, dass die Dunkle Erdhummel (es gibt auch noch eine kleinere, helle Form), mit bis zu 24 Millimetern Körperlänge die größte von allen ihrer Gattung, schon mal unterwegs ist. „Das wird, das wird“, sagt er. Für andere Arten hofft er das auch. Die Steinhummel zum Beispiel. Alle Hummeln unterscheiden sich in ihrem Äußeren, aber die Steinhummel ,Bombus lapidarius’ habe ein ganz besonderes Kleid: schwarz, nur mit einem rötlich gefärbten Hinterteil. Kein Weiß wie bei der Erdhummel, keine gelbe Querbinde wie bei Wiesen- oder Gartenhummel. „Das ist mein Liebling“, sagt er, und als wenn es nicht schon ulkig genug wäre, dass ein sicher um die 85 Kilogramm kräftiger Kerl (geschätzt, nicht bestätigt) so liebevoll von den Hummeln spricht, präsentiert er mir, noch schnell am Kaffee schlürfend, eine selbst gebaute Hummeleingangsklappe aus Holz und Kunststoff. „Die baue ich in die Häuser ein.“
Sein System habe sich bewährt; die Hummeln seien im Verbund lernfähig und wüssten nach einer Weile die Pforte zu ihrem Stock zu öffnen. „Kuckuckshummeln wissen das nicht“, sagt Jörg Vahlbruch – und kämen folglich dann nicht in den Stock hinein, wo sie großen Schaden anrichten und eine ganze Kolonie zerstören können. Kuckuckshummeln seien die Feinde vieler anderer Hummelarten. Sie würden die Königin töten, das Volk vernichten. Die Klappe soll’s richten, dass dies nicht passiert.
„Sssummm…“ Eine Arbeiterin der Gartenhummel, gegen die Königin fast unscheinbar, kreuzt unseren Weg. „Ach schau, die sind schon unterwegs. Schööön“, sagt Jörg Vahlbruch. Er freut sich. „Hummeln sind für die Natur genau so wichtig wie Bienen. Die bestäuben eher als alle anderen“, schiebt er nach. Sie hätten keinen Bammel vor ein paar kalten Tagen. Schneeheide, Salweide, Zierjohannisbeere, Krokusse, Winterlinge blühen schon, wenn nur die Hummelkönigin fliegt. Sie holt sich den Nektar, sammelt die Pollen, um einen Vorrat für sich und die erste Generation ihrer Arbeiter anzulegen. Sie bestäubt Obstbäume – und ohne Bestäubung keine Früchte.
Nach der Eiablage dauert es 19 bis 22 Tage, dann ist die erste Generation geschlüpft. „Fünf bis 15 Hummeln, mehr sind das dann noch nicht“, sagt Jörg Vahlbruch, der sie schon mehrmals gezählt hat. Nur Mini-Arbeiter, die für die Königin – sie bleibt fortan im Stock und legt nur noch Eier – sammeln gehen, vielmehr: fliegen. Die zweite Generation folgt mit 20 bis 50 Arbeitern. Weitere Generationen schließen sich an. So entwickelt sich im Laufe von Frühjahr und Sommer ein stolzes Hummelvolk. Aus der letzten Generation schlüpfen Drohnen und neue Königinnen.
„Sssssssssssss…“ – Die Erdhummelkönigin ist wieder raus aus ihrem Bau, startet erneut durch, um sich auf Frühlingsblüten mit Nektar zu versorgen. Energie braucht sie jetzt dringend, sie will ja ein Nest bauen, ein Volk gründen. Jörg Vahlbruch schaut ihr zufrieden hinterher, das Geräusch ihres Fluges verschwindet in den Düften des Frühlings. „Auch die wird’s nicht überleben“, sagt er. So ist das Leben der Hummeln. Alle sterben am Ende des Jahres, mit Ausnahme der befruchteten neuen Königinnen. Sie verlassen zusammen mit den Drohnen (den männlichen Hummeln) das Nest. Die Drohnen überleben’s nicht, aber die Königinnen überwintern unter Laub, in Mauselöchern und Holzfinnen – und gründen im nächsten Frühling ein neues Volk.
Ob die Wiesenhummel
schon eingezogen ist?
Während ich noch über diesen Lauf der Dinge sinniere, öffnet Jörg Vahlbruch eines seiner Hummelhäuser, nimmt das Dach ab, hebt die Wolle. „Mal sehen, ob die Wiesenhummel schon eingezogen ist.“ Nein, ist sie nicht. „Schade, naja, die kommt schon noch.“ Legt die Wolle wieder drauf, gerade so, als wenn’s zerbrechlich wäre, klappt das Dach behände zu und stellt den Kasten wieder in die Halterung am Haus in der Hoffnung, dass auch dort bald ein Volk wohnen wird.
Hummelvölker sind kleiner als die der Bienen. „Die dunkle Erdhummel bringt es schon mal auf 1000, während bei der Steinhummel meistens 100 bis 300 Exemplare pro Volk bestehen, bei der Wiesenhummel noch weniger: 50 bis 150“, sagt Jörg Vahlbruch. 1992 hatte er die ersten Hummelkästen in seinem Garten platziert, seitdem lässt ihn die Magie der „fliegenden Teddybären“, wie er sie auch nennt, nicht mehr los. „Die fliegen sogar bei Nieselregen. Ich kann dir sagen, das sieht vielleicht verrückt aus, wenn die dann unterwegs sind. Können kaum die Linie halten, so schwer sind die dann.“
Die Dunkle Erdhummel
kehrt zurück
Die Dunkle Erdhummelkönigin kehrt zurück. „Sssssss, sst.“ Zack, drin. „Die baut jetzt eine Wabe aus Wachs, da legt sie später die Eier ab.“ Die Königin ist groß, groß aber friedlich. Lässt sich nicht stören von den zwei Kerlen vor ihrem Haus. „Hummeln stechen ja auch nur, wenn man sie reizt. Da musst du aber schon recht forsch an ihr Nest gehen“, sagt Vahlbruch. Er sei noch nie gestochen worden und habe im vergangenen Jahr immerhin sieben Hummelvölker in seinem Garten gehabt. „Nicht schlecht auf 360 Quadratmetern, oder?“
Hummeln haben keine Wespentaille. Hummeln sind robust. Das macht sie so einzigartig, irgendwie gehen sie in der Masse der Insekten als sympathische Kulturfolger durch. Wie kleine runde Bälle fliegen sie behäbig, nicht galant. Eigentlich ist allein die Tatsache, dass sie überhaupt fliegen, erstaunlich. „So wie sie gebaut sind, könnten sie nach menschlichem Ermessen nicht abheben. Zu schwer“, sagt Vahlbruch. Aber Bombus interessiert sich herzlich wenig für die physikalischen Gesetze des Homo sapiens.
„Ssst, sssssssss…“ – Die Königin fliegt wieder auf und davon. Im Strahl des Sonnenscheins bin ich mir sicher, ein Krönchen über ihrem Antlitz entdeckt zu haben.