


Siebzig Jahre und noch kein bisschen leise: Tina Turner geht auf Tournee
„Darauf habe ich so lange gewartet.“ – Aufgelöst in Emotionen stand sie strahlend im Scheinwerferlicht der 27. Grammy-Verleihung vor einem nicht minder berührten Auditorium in Los Angeles. Den Tränen war sie nahe, aber nicht nahe genug, um die Fassung zu verlieren. Diesen Augenblick, diesen Moment am Abend des 26. Februar 1985 kostete Tina Turner, einst das kleine Mädchen Annie Mae Bullock aus dem Nest Nutbush und später missbrauchte Ehefrau des gewalttätigen, selbst- und drogensüchtigen Ike Turner, vollkommen aus. „Tina is back“ titelten weltweit die Gazetten im Feuilleton schon Monate vorher, denn das Album „Private Dancer“ war der Aufstieg einer neuen Tina Turner, war die Welle, die alles ins Rollen brachte, obwohl diese beeindruckende Frau doch schon Mitte 40 (damit quasi uralt fürs Business) und länger als 20 Jahre im Beruf war.
Wenn es in diesem verrückten Rockzirkus jemals ein Comeback gegeben hat, das seinen Namen verdient, dann war es dieses hier. Das strahlende Lachen. Die Kraft dieser Powerfrau. Die Stimme, die durch Mark und Bein dringt und dann bis ins Herz vorrückt. Die Herzlichkeit der Tina Turner, die von der Gosse bis zum Thron alles durchgemacht hat. Das hat die Menschen überall auf der Welt berührt und begeistert. Bis heute hat Tina Turner sich diese Power erhalten können, und vielleicht deshalb ging sie in diesem Jahr 2009 – dann mit genau 70 Jahren – noch einmal auf Tournee.
Tina Turner muss es keinem beweisen, sie wurde gebeten. „Viele Fans haben mich gefragt, ob ich nicht noch einmal will. Ich will“, lässt die Ausnahmesängerin von ihren Promotern der ganzen Welt mitteilen. Sie weiß genau, was sie riskiert, aber sie weiß, was sie tut. Das wusste sie immer. Und wenn sie nicht wirklich sicher wäre, auch mit 70 Jahren noch „What’s love got to do with it“, „I can’t stand the rain“ und „Proud Mary“ zu singen, dann würde sie es auch nicht tun. Zehntausende Deutsche Fans wünschten ihr von Herzen, dass diese Tournee mit allen großen Hits ein großes Fest für alle wird.
Bei Nacht und Nebel hatte Tina Turner ihre nicht einmal sieben Sachen 1976 im Hilton-Hotel in Dallas gepackt, als sie wieder einmal von ihrem Mann Ike brutal zusammengeschlagen worden war. 36 Cent hatte sie bei sich, und eine Mobil-Gas-Kreditkarte. Ein paar Klamotten. Das war’s. Zwei Jahre später wurde die Ehe geschieden; Tina Turner ging leer aus. Keinen einzigen Dollar sprachen ihr die Richter zu. Es war ihr egal. Sie war frei, und sie hoffte auf ein Comeback.
Die Weichen dafür stellte sie 1980 – nicht allein, sondern in Zusammenarbeit mit dem damals sehr erfolgreichen australischen Promoter Roger Davies. Der und die beiden Köpfe von Heaven 17, Ian Craig Marsh und Martyn Ware, waren schließlich an dem kometenhaften Aufstieg der Soul-Queen beteiligt. Sie
produzierten die alte Al-Green-Nummer „Let’s stay together“ neu; Tina Turner sang das Lied mit Hingabe. Und mit wilder Perücke! Denn das neue Image verlangte nach einem neuen Stil. Davies vermittelte Kontakte, wichtige Kontakte, brachte Tina Turner wieder auf die Bühne zurück. Die erste Tournee im Vorprogramm von Lionel Richies „Can’t Slow Down“-Tournee.
Die Soul-Königin wurde nach und nach zur Rock-Queen. Das Album „Private Dancer“ wird heute als eines der besten in der Geschichte der Rockmusik bewertet – schlichtweg als Folge des fetten Knowhows, das darin steckt. David Bowie, Mark Knopfler von den Dire Straits, Graham Lyle, Terry Britten schrieben Tina Turner Songs wie maßgeschneidert auf den Leib und spielten neben weiteren Größen wie Jeff Beck und John Miles („Music“) die Songs auch ein.
Davies war ein großer Wurf gelungen. „Tina, ,Let’s Stay‘ ist Nummer 1.“ – Als der Promoter eines Abends die frohe Botschaft überbrachte, war Annie Mae Bullock am Ziel ihrer Träume angekommen. Weitere Größen halfen ihr. Mick Jagger, Bryan Adams und Robert Cray zählen heute mindestens zum erweiterten Freundeskreis.
Und Ike? Für Tina war ihr Ex-Mann tot, lange bevor er im vergangenen Jahr an den Folgen seines andauernden Drogenkonsums starb. Das Album „Private Dancer“ war der Anfang. Es folgten weitere millionenfach verkaufte Longplayer wie „Break Every Rule“, „Foreign Affair“, Filmdebüt plus Titelsong („We don’t need another hero“ in Mad Max) und – in den neunziger Jahren – dann auch noch der Auftrag aller Aufträge: den Titelsong fürs neue James-Bond-Abenteuer singen. „Golden Eye“ kommt einer Heiligsprechung gleich.
Ein großer Teil dieser vielen Hits – von den Anfängen mit „Nutbush City Limits“ bis ins neue Jahrtausend („When the heartache is over“) – hat Tina Turner auf ihrer Tournee durch Europa live präsentiert. Und wieder, wieder war sie gerührt, nicht den Tränen nahe, aber gerührt bei ihren Konzerten in den großen Arenen von Hamburg, München, Köln, Paris, Rom, London und anders, als ihr die Menschen „Tina, Tina“ zuriefen, klatschten und vor Freude strahlten wie das Scheinwerferlicht, das ihren Star erfasste. Jeden Moment dieser Freude kostete Tina Turner aus. Und die Fans taten es auch.