Ewiger Rebell in uns: Danke, Rock'n'Roll!
Die Geschichte des Rock’n’Roll ist einzigartig. Wann die Geburtsstunde der populären Musik schlug, ist heute nicht mehr nachzuvollziehen. War es Little Richards „Tutti Frutti“? „Rock around the clock“ von Bill Haley? Chuck Berry mit „Maybellene“? James Brown hat einmal über Elvis Presley gesagt: „Er brachte dem weißen Amerika bei, was Party heißt.“ Rock’n’Roll ist Party, ja. Aber mit all seinen Facetten, mit all seiner treibenden Kraft und fantastischen Vielfalt ist er mehr als das; er ist ein Lebensgefühl, und zwar schon lange, bevor er Rock’n’Roll hieß. Es war irgendwann in den fünfziger Jahren, als die Musik aus ihren Angeln gehoben wurde. Erst hier und dort, dann überall. Spätestens seit Elvis’ erstem Hüftschwung war die Welt eine andere…
Als 1957 der damals elfjährige Udo Lindenberg zum ersten Mal im Schützenhof in Gronau bei der Border-Town-Jazzband Schlagzeug spielen darf, da steht Elvis Presley mit seinem „All Shook Up“ an der Spitze der Billboard-Charts in Amerika – und wird es über zwei Monate lang bleiben! 48 Jahre später, Januar 2005. Elvis Presley steht mit „One Night With You“ erneut ganz oben! 28 Jahre nach seinem Tode ist der King Of Rock’n’Roll wieder auf den Thron der Rockmusik. Das ist nur eine dieser unglaublichen Geschichten, die diese Musik geboren hat.
Die Rolling Stones hat’s bis heute nicht zerschmettert: Michael Phillipp Jagger, kurz: Mick, riskiert nach wie vor die dickste(n) Lippe(n) in diesem Business. Die Stones, hurra, sie leben noch! „Live Licks“, ein Live-Album, wurde gerade veröffentlicht. Doch was haben sie nicht alles durchstehen müssen in ihrer über 40-jährigen Bandgeschichte: Alkohol- und Drogenexzesse, Gerichtsverhandlungen, den Tod von Brian Jones und ein leider denkwürdiges Festival im Jahre 1968, als die Rockerbande „Hell’s Angels“ für Ordnung sorgen sollte. Das Ergebnis: eine Massenschlägerei. Ein 18-jähriger Farbiger, Meredith Hunter, wird erstochen von einem „Hell’s Angel“. Das ist die andere, die dunkle Seite des Rock’n’Roll.
Die gute, die starke, helle Seite ist (auch) seine Spontanität. So haben die Hardrocker von AC/DC ihren Bandnamen im Jahre 1973 einfach nur der Rückseite eines Staubsaugers entnommen. Wechselstrom/Gleichstrom bedeuten die vier Buchstaben – der Name ist bis heute Programm. Während Bands wie AC/DC oder Status Quo mit dem immer gleichen Prinzip die Massen bis heute begeistern, dabei aber auf dem Boden blieben, verloren andere jede Realität. So sagte Kurt Cobain am 23. Juli 1993 zu seiner Band Nirwana: „Wir sind eine der größten Rockbands aller Zeiten.“ Bei allem Respekt: Er lag falsch. Die Selbstüberschätzung als Unheil bringendes Element. Cobain stirbt am 5. April 1994. Es war Selbstmord.
Was hat uns geprägt, was beeinflusst? Ganz sicher die epochalen Werke von Genesis, etwa „The Lamb Lies Down On Broadway“, oder von Pink Floyd („The Wall“). Phil Collins’ Debüt-Album „Face Value“ ist ohne Frage ein Jahrhundertalbum, auch Steve Winwoods „Higher Love“ (1986), der übrigens auch Mitglied der überragenden „Spencer Davis Group“ war. Huey Lewis and the News mit „Sports“. Hall & Oates, The Who, Renaissance, Foreigner… Und nicht zu vergessen: Led Zeppelins „Stairway To Heaven“ – nie ist dieses Lied als Single veröffentlicht worden, und doch gilt es als Superhit, als das Salz in der Suppe der Rockmusik. Überhaupt: Hat es jemals eine Band gegeben, die – aus der Asche der legendären Yardbirds erwachsen – mehr Einfluss genommen hat auf alles, was nach ihnen kam?
Alf Sharp, Filmvorführer im ABC-Theater in Romford, stellte am 18. März 1965 fest: „Ich habe nicht nur Gewehrsalven und Bombenangriffe im Krieg überlebt, nein, auch das Live-Konzert der Stones hier im Kino habe ich heil überstanden.“ Das war zu einer Zeit, in der die Stones mit den Beatles so zusagen um die Weltherrschaft spielten. Wer sie schließlich inne hatte, darüber streiten die Fans heute noch. Und es gab nur wenige, die beide Bands mochten. War man ein Beatle, dann war man kein Stone. Doch ist das jemals wichtig gewesen? Wichtig ist vielmehr die Tatsache, dass sich die Zeiten grundlegend geändert haben. Der Rock’n’Roll hat früher die Generationen geteilt, heute verbindet er sie.
Dem Vater des Urschrei im Rockzirkus, Joe Cocker, jubeln ímmer noch Tausende Fans zu, manche kaum 30 Jahre alt, andere älter als 60. Genau so verhält es sich, wenn die große Tina Turner auf Tournee geht, die Band Bon Jovi rockt oder auch Coldplay ein Konzert gibt. Wieviel Kraft und welch eine Magie hat diese Musik? Eine Musik, ein Lebensgefühl, das stets Rekorde gebrochen hat. Meat Loafs Album „Bat Out Of Hell“ blieb in den USA unglaubliche 472 Wochen in den „Billboard Hot 100“-Charts. Nicht mal mancher Präsident war so lange im Amt. Michael Jacksons „Thriller“ wurde bescheinigt, mehr als 26 Millionen Mal allein in den USA verkauft worden zu sein – nur wenige Alben haben das geschafft. Jackson, der King Of Pop. Heute ein Häufchen Elend, aber wen interessiert das? Wer das Album „Thriller“ in den Händen hält, spürt die Magie.
Zahlreiche Musiker von hohem Rang hat der Rock’n’Roll dahingerafft. Marvin Gaye, Bob Marley, John Lennon, Jim Morrison, Jimi Hendrix – es muss eine große, große Band dort oben hinter dem Horizont auf uns alle warten. Wer jemals die Musik dieser Menschen gehört hat, wird darauf hoffen, dass sie für ihn singen, wenn er an der Reihe ist. Dort oben, wo das Leben weitergeht, ist auch Freddie Mercury, einstiger Sänger der Rockband Queen, der im Alter von 45 Jahren an Aids starb. Seit dem Jahr 1991 schreiben die Wolken an jedem 24. November seinen Namen in den Himmel.
Der Rock’n’Roll zündet Flammen der Hoffnung und reißt Mauern ein. Er wird ewig sein. Ewig. Ewig rebellisch. Und wir mit ihm.